Kurt Lüscher
Professor für Soziologie an der Universität Konstanz. Emeritiert seit 2000.
 

Laufende Arbeiten

Generationenpotentiale - Generationenpolitik

Die Generationenperspektive in der Praxis, Wissenschaft und Politik

Meine Arbeiten im Bereich der Generationenanalyse gelten dem Bemühen, unter theoretischen und praktischen Gesichtspunkten die nachfolgend skizzierten Überlegungen weiter zu vertiefen.


1. Die Aktualität der Generationenfrage

Die Frage der Beziehungen zwischen den Generationen beschäftigt die Öffentlichkeit in zunehmendem Maße. Den unmittelbaren Anlass bieten häufig die demographischen Entwicklungen und die Zukunft der Alterssicherung. Doch gibt es weitere Anstöße, so

- das Verhältnis der Altersgruppen und deren politischer Einfluss

- altersspezifische Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Verpflichtungen zur Beteiligung im Erwerbsleben

- ein neues Verständnis des Alterns und parallel dazu anderer Phasen des Lebenslaufes sowie damit einhergehend ein neues Verständnis von Bildung

- neue Aufgaben generationenübergreifender Pflege, Sorge und Zuwendung und die Rolle der Geschlechter

- die Verschuldung der öffentlichen Hand

- Klagen über den "Zerfall der Familie" und die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ("Krieg der Generationen")

- der Umgang mit sozialen, kulturellen und natürlichen Ressourcen im Hinblick auf die zukünftigen Generationen

Meistens geht es um Befürchtungen. Im öffentlichen Reden über Generationen, der Generationenrhetorik, werden oft Krisenszenarien entworfen. Übersehen wird dabei, dass die soziodemographischen Veränderungen, namentlich die erweiterte gemeinsame Lebensspanne der Generationen, auch Chancen und Potentiale für die zukunftsorientierte Gestaltung des Zusammenlebens in sich birgt.


2. Generationenpotentiale

Diese Situation erfordert meines Erachtens eine aktuelle Analyse dessen, was Karl Mannheim als das "Problem der Generationen" bezeichnet hat. Seiner Analyse, dass es dabei um die gesellschaftliche Dynamik geht, ist zuzustimmen. Heute verdienen die Generationenbeziehungen in Familie, Verwandtschaft, in den Betrieben, in Organisationen und der Gesellschaft sowie das Verhältnis der heute lebenden zukünftigen Generationen besondere Aufmerksamkeit.


3. Definition: Generation

Von Generationen ist im Alltag mindestens in dreifacher Weise die Rede. Erstens dient der Begriff der Generation dazu, Alt und Jung zu unterscheiden. Zweitens wird von Generationen in Familie und Verwandtschaft gesprochen, wobei sich die individuellen Zugehörigkeiten mit sozialen Rollen wie Kind, Eltern und Großeltern verbinden. Drittens finden sich historische und zeitdiagnostische Generationenzuschreibungen wie die 68er Generation oder die "Babyboomer". Es gibt darüber hinaus – viertens – noch ein weiteres wichtiges Generationenverhältnis: das pädagogische. Es versteht sich eigentlich von selbst, wird aber als solches weniger angesprochen. Generationenzugehörigkeiten können sich im Weiteren auch aus der Mitgliedschaft zu Organisationen oder dem Eintritt in einen Betrieb ergeben.

Was ist diesen Umschreibungen gemeinsam? Um die Tragweite von Generationenzugehörigkeiten und -beziehungen im Hinblick auf das praktische Handeln zu erfassen, kann man postulieren, dass Generationenzugehörigkeiten bedeutsam für die Zuschreibung von Facetten der sozialen Identität sind.

Formuliert als kompakte Definition:
Das Konzept der Generation dient dazu, Akteure (Individuen und soziale Gruppierungen) hinsichtlich ihrer sozial-zeitlichen Positionierung in einer Bevölkerung, einer Gesellschaft, einem Staat, einer sozialen Organisation oder einer Familie zu charakterisieren und ihnen Facetten ihrer sozialen Identität zuzuschreiben. Diese zeigen sich darin, dass sich Akteure in ihrem Denken, Fühlen, Wollen und Tun an sozialen Perspektiven orientieren, für die entweder der Geburtsjahrgang, das Alter oder die bisherige Dauer der Mitgliedschaft in der jeweiligen Sozietät oder die Interpretation historischer Ereignisse von Belang sind.


4. Definition: Generationenpolitik

Im Hinblick auf die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Ordnung der Generationenbeziehungen kann man von einer impliziten Generationenpolitik sprechen. Eine explizite Generationenpolitik lässt sich dagegen nach dem aktuellen Forschungsstand und im Blick auf die gesellschaftspolitische Praxis folgendermaßen charakterisieren:

„Generationenpolitik“ ist ein Ausdruck der aktuellen diskursethischen Verhandlungen über Generationengerechtigkeit und der staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen, welche die Ressourcen zwischen den Generationen verteilen.

Generationenpolitik lässt sich sowohl deskriptiv als auch programmatisch-normativ umschreiben:

a) Deskriptive Generationenpolitik: Generationenpolitik umfasst alle Bemühungen um eine institutionalisierte Ordnung der individuellen und kollektiven Beziehungen zwischen Generationen im Spannungsfeld zwischen Privatsphären und rechtsstaatlicher Öffentlichkeit. Überdies ist zu klären, inwiefern Maßnahmen anderer Politikbereiche beabsichtigt oder unbeabsichtigt dafür von Belang sind.

b) Programmatische Generationenpolitik: Generationenpolitik betreiben heißt, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, in Gegenwart und Zukunft die privaten und öffentlichen Generationenbeziehungen so zu gestalten, dass sie zum einen die Entfaltung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, zum anderen die gesellschaftliche Weiterentwicklung gewährleisten.

Ein zunehmend wichtiger Bereich praktischer Generationenpolitik sind die Projekte unter der allgemeinen Bezeichnung "Generationendialog". Angehörige von zwei und mehr Altersgruppen und entsprechend unterschiedlicher gesellschaftlicher Generationen finden sich in gemeinsamen Tätigkeiten und engagieren sich in Projekten, die für das Gemeinwesen nützlich sind. Gleichzeitig geht es den Beteiligten in der Regel darum, sich selbst als Persönlichkeit einzubringen und weiterzuentwickeln. Entsprechend der Annahme, dass eine Spezifik von Generationenbeziehungen in damit einhergehenden Lernprozessen (generative Sozialisation) gesehen werden kann, lassen sich diese Aktivitäten als Bildungsprojekte verstehen. Zusätzliche politische Bedeutung erlangen sie, weil sie häufig auf zivilgesellschaftlichen Initiativen beruhen. Soweit ihnen staatliche Unterstützung zuteil wird, hat diese meistens subsidiären Charakter.

Im Blick sind somit alle Bemühungen um eine institutionalisierte Ordnung der Beziehungen zwischen Generationen im Spannungsfeld zwischen Privatsphären und rechtsstaatlicher Öffentlichkeit, d.h. der Tätigkeit staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen zu verstehen. Im Weiteren geht es darum, Maßnahmen anderer Politikbereiche daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie - oft unbeabsichtigte - Folgen für die Beziehungen zwischen den Generationen haben.

Die Umschreibung "Generationenpolitik" beinhaltet indessen nicht ein neues "Politikfeld", keine neue institutionalisierte Politik. Vielmehr handelt es sich um eine "Perspektive", die angesichts der Bedeutung der demographischen Entwicklungen und der generationellen Zuschreibungen dazu dient, übergreifende politische Grundsätze hervorzuheben und den "Querschnittcharakter" etablierter Politikfelder zu erhellen und zu vertiefen. In dieser Zielsetzung ergibt sich das Postulat einer "integralen Generationenpolitik".

Felder der Generationenpolitik

Diese Umschreibung bedarf einer weiteren Ausarbeitung. Eine solche kann in zwei aufeinander bezogenen Perspektiven erfolgen. Zum einen kann versucht werden, die Interdependenzen zwischen alters- bzw. generationenspezifisch relevanten Politikbereichen (z. B. Alters- und Kinderpolitik) sowie Tätigkeitsfeldern (z. B. Pflege in den Familien und in Institutionen) herauszuarbeiten und Strategien vernetzten Handelns sowie damit einhergehender Institutionalisierungen zu entwickeln. Zum anderen geht es darum, übergreifende Kriterien zu umschreiben und zu begründen. Hier bietet es sich insbesondere an, den reichen Fundus der ethischen und gesellschaftspolitischen Diskurse über Gerechtigkeit zu nutzen und ihn auf die Spezifik der Generationenbeziehungen, der privaten ebenso wie der öffentlichen, zu übertragen sowie die Tragfähigkeit anderer Leitideen wie Nachhaltigkeit, Solidarität, Generativität zu erkunden. Ein wichtiger Aspekt ist überdies die Eigendynamik der direkt oder indirekt relevanten Institutionen und Organisationen.

Dargestellt als Diagramm ergibt sich folgendes Bild:

Ich nenne diese Konzeption von Generationenpolitik – wie erwähnt – "integrativ", denn die Sichtweise ist analytisch und pragmatisch; sie hat zum Zweck, die Ausrichtung auf eine bestimmte Klientel zu vermeiden, die viele Institutionen der Sozialpolitik auszeichnet. Stattdessen wird angestrebt, die gesellschaftlichen Vernetzungen und die übergreifende menschenrechtliche Orientierung ins Zentrum zu stellen.

Generationendialoge

Große Aufmerksamkeit finden derzeit Programme, die darauf ausgerichtet sind, gemeinsame Aktivitäten von Menschen unterschiedlicher Generationenzugehörigkeit zu initiieren und zu fördern. Viele dieser Projekte lassen sich unter der Vorstellung einer "generativen Sozialisation" fassen. Mit diesem Begriff soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass es sich um ein gemeinsames Lernen handelt, bei dem für die Beteiligten drei Aspekte besonders von Belang sein können: Erstens die kritische Auseinandersetzung mit dem überkommenen sozialen und kulturellen Erbe, dieses also zu akzeptieren, zu modifizieren oder im Extremfall sogar zu verwerfen. Zweitens ist die für den Menschen kennzeichnende Tatsache von Belang, dass sich nicht nur die ältere Generationen um die jüngere sorgen und kümmern kann, sondern sich umgekehrt die jüngere auch um die ältere und dass dies ethisch postuliert werden kann. Dem entspricht ein erweitertes Verständnis von Generativität, worunter anfänglich lediglich Verpflichtungen der Älteren gegenüber den Jüngeren verstanden wurden. Drittens ist festzuhalten: Diese wechselseitige Verantwortlichkeit im Generationenverbund beinhaltet spezifische Potentiale für die Sinngebung individuellen und gemeinschaftlichen Handelns, individueller und gemeinschaftlicher Lebensführung.

Ein solches erweitertes Verständnis ermöglicht meines Erachtens den Brückenschlag zum Begriff von "Bildung". Das ist jedenfalls für jene Verständnisse der Fall, in denen die Befähigung des Einzelnen hervorgehoben wird, sich seiner selbst und seiner Mitmenschlichkeit bewusst zu sein, dementsprechend verantwortlich zu handeln und das eigene Lernen zu beeinflussen. Daraus folgt: Vielen "Generationendialogen" ist eigen, dass sie Bildungsprojekte sind – genauer formuliert: dass sie das Potential haben, solche zu sein.


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