Kurt Lüscher
Professor für Soziologie an der Universität Konstanz. Emeritiert seit 2000.
 

Laufende Arbeiten

Das Konzept der Ambivalenz: Theoretische, praktische und interdisziplinäre Tragweite


1. Begriffsgeschichte und Definition

Der Begriff der Ambivalenz wurde von dem Psychiater E. Bleuler formuliert und 1910 in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Es gibt dafür so etwas wie eine „Geburtsurkunde“:

„Protokoll der Ordentlichen Winterversammlung des [in den Worten jener Zeit, KL] Vereins schweizerischer Irrenärzte, 26./27. November, 1910. Bern, Universitätsgebäude:
Vortrag Prof. Bleuler-Zürich über Ambivalenz.
Es gibt: eine affektive Ambivalenz. Die gleiche Vorstellung ist von positiven und negativen Gefühlen betont (der Mann hasst und liebt seine Frau).
Eine voluntäre Ambivalenz (Ambitendenz). Man will etwas und gleichzeitig will man es nicht, oder will zugleich das Gegenteil. Der Ambitendenz auf Anregung am nächsten liegt der Begriff der negativen Suggestibilität.
Eine intellektuelle Ambivalenz. Man deutet etwas positiv und zugleich negativ: Ich bin der Dr. A.; ich bin nicht der Dr. A. Das Wort ‚Lohn‘ bedeutet auch Strafe.
Die drei Formen lassen sich nicht trennen, gehen ineinander über und kombinieren sich…“

(Riklin, Zentralblatt 1910: 266).

In der Folge wurde der Begriff durch Freud in die Psychoanalyse übernommen und dort auf mannigfache Weise weiter entwickelt und in der Folge in die Psychologie und die Sozialpsychologie übernommen sowie in der Psychotherapie genutzt. – In den 1960er Jahren fand er Eingang in die Soziologie, zunächst im Kontext der Analyse von (Berufs-) Rollen, später in jener der Generationenbeziehungen und der Zeitdiagnose. Ungefähr zur gleichen Zeit setzte die Rezeption in den Literaturwissenschaften ein, ebenso in den Kunst- und Musikwissenschaften. – Parallel mit der Rezeption in den Wissenschaften fand der Begriff auch Eingang in die Umgangssprache, wie die Einträge in den einschlägigen Wörterbüchern zeigen.

Die Begriffsgeschichte und die Diskursanalysen des Konzepts der Ambivalenz in unterschiedlichen human-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Diskursen und Disziplinen legen den Schluss nahe, dass damit anthropologisch bedeutsame Sachverhalte angesprochen werden. Sie können sich in übergreifenden Vorstellungen wie Menschen- und Gesellschaftsbildern und in der konkreten Gestaltung menschlichen Handelns finden.

Je nach dem, wie viele der nachfolgenden Bedingungen zutreffen, beobachtet werden oder zur Sprache kommen, wird das Konzept der Ambivalenz in einer eher allgemeinen Weise oder in einer prägnanten Weise – als Deutungsmuster oder als Forschungskonstrukt – genutzt. Diese Bedingungen sind:

Erstens das Vorhandensein ausgeprägter Gegensätze ("Polaritäten"). Dabei kann ein einzelner "Sachverhalt" oder es können auch mehrere "Sachverhalte", Aufgaben, Felder oder "Dimensionen" der Beziehungsgestaltung in Betracht gezogen werden. Denkbar sind auch Verknüpfungen.

Zweitens der Umstand, dass diese Gegensätze gleichzeitig bestehen und die Beteiligten in ihrem Fühlen, Denken und Wollen zwischen diesen hin und her pendeln, schwanken ("oszillieren").

Drittens der Umstand, dass dieses Oszillieren während kürzerer oder längerer Zeit in einer bestimmten Situation, bei der Erfüllung einer Aufgabe, vor einer Entscheidung, in einem biographischen Übergang (z.B. Auszug aus dem Elternhaus) oder im Blick auf eine lange Zeit des Zusammenlebens eingebunden ist (und so lange auch als unlösbar angesehen wird).

Durchgängig besteht implizit oder explizit die Annahme, dass die Spannungsfelder, die Erfahrungen des Oszillierens sowie deren Eingebundensein in einen Handlungszusammenhang von kürzerer oder längerer Dauer für das Selbstbild und die Persönlichkeitsentwicklung (die "Identität") der beteiligten Person(en) von Belang sind.

Zusammengefasst schlage ich folgende kompakte Definition vor:
Von Ambivalenzen kann man sprechen, wenn Menschen auf der Suche nach der Bedeutung von Personen, sozialen Beziehungen und Tatsachen, die für Facetten ihrer Identität und dementsprechend für ihre Handlungsbefähigung wichtig sind, zwischen polaren Widersprüchen des Fühlens, Denkens, Wollens oder sozialer Strukturen oszillieren, die zeitweilig oder dauernd unlösbar scheinen. Dabei können persönliche Beeinflussung, Macht und Herrschaft von Belang sein.

Wichtig an der hier vertretenen Sichtweise ist ferner, dass Ambivalenzen nicht von vorneherein und durchgängig "negativ" bewertet werden, sondern Erfahrungen umschreibt, die unterschiedlich bewertet werden können, je nach dem, wie damit umgegangen wird. Es können sich daraus Anstöße für neue Erkenntnisse und kreatives Handeln ergeben, so auch in der Kunst, Literatur und Musik.

Ambivalenzen können mit folgenden Methoden erfasst werden:
- Direkte Fragen nach Ambivalenzerfahrungen.
- Indirekte Ermittlung von Ambivalenzen gestützt auf die Analyse der Charakterisierung von Beziehungen (widersprüchliche Aussagen).
- Antworten auf Darstellungen von Lebenssituationen in Form von Kurzschilderungen.
- Analyse von Dokumenten: Texte, bildliche Darstellungen.

Näheres zur Begriffsgeschichte und zur Begründung der Definition siehe Kap. 1 in Dietrich, W./ Lüscher, K./ Müller, Ch. (2009).


2. Menschen als „homines ambivalentes“

Die Ubiquität von Ambivalenzerfahrungen führt u.a. auf die Frage der menschenbildlichen Implikationen des Konzepts. Menschen können als „homines ambivalentes“ bezeichnet werden. Damit ist hier keine "Wesenszuschreibung" des Menschen gemeint, sondern eine Heuristik. Sie beinhaltet, erstens, die Annahme, dass Menschen Ambivalenzen erfahren, erkennen oder verdrängen können und auf unterschiedliche Weise damit umzugehen vermögen. Diese Heuristik beinhaltet zweitens auch die Möglichkeit und die Notwendigkeit der dynamischen, kritischen Reflexion seiner selbst, eingeschlossen seiner Ambivalenz gegenüber Ambivalenzerfahrungen und ihrer Thematisierung.

Man kann darin eine Last sehen. Ist dies der Fall, werden Ambivalenzen im alltäglichen Handeln ebenso wie in der Theorie problematisiert und sogar verdrängt. Man kann darin aber auch die Chancen einer dynamischen Offenheit erkennen. So gesehen geht es – paradox ausgedrückt – um eine rationale Alternative zur alleinigen Vorherrschaft der Idee der Rationalität. Sie nährt sich pragmatisch wiederum von der Akzeptanz kontingenter Elemente im menschlichen Leben, seiner Schicksalhaftigkeit und dem Verwundern über das Auftauchen von unerwartet Neuem.


3. Allgemeine Hypothesen

- Es ist wissenschaftlich fruchtbar, die Erfahrung von Ambivalenzen, ihre Erkenntnis und den Umgang damit als eine Facette der für menschliche Sozialität konstitutiven Prozesse personaler und kollektiver Identitätsentwicklung und Handlungsbefähigung (Reflexion, Verantwortlichkeit) aufzufassen.

- Formen und pragmatische Bedeutungen von Ambivalenzerfahrungen sind empirisch differenziert zu ermitteln. Sie variieren nach Handlungskontexten, Gesellschaften und (Sub-) Kulturen. Dies erfordert eine methodologische Verallgemeinerung des Moduls zur Ambivalenz-Analyse.


4. Anwendung

Es scheint wünschenswert, bei der vertieften Arbeit mit dem Konzept Typen der Erfahrung von Ambivalenzen und des Umgangs damit zu unterscheiden. Das ist bei der Nutzung als "Deutungsmuster" ebenso wie bei jener als "Forschungskonstrukt" möglich. Im Rahmen der Konstanzer Forschungen wurde zu diesem Zweck ein "Modul" entwickelt. Darin werden unter Beizug theoretischer Begründungen vier Typen unterschieden: Solidarität, Emanzipation, Atomisierung und Kaptivation.

Eine ausführliche Darstellung des Moduls kann hier abgerufen werden. Beispiele für seine Verwendung finden sich in folgenden Downloads:
- als Forschungskonstrukt: Burkhardt, A. et al. (2006); Lüscher, K./Lettke, F. (2002)
- als Deutungsmuster: Lüscher, K. (2008): Großelternschaft; Lüscher, K./Heuft, G. (2007)

Vor diesem Hintergrund bieten sich Möglichkeiten der theoretischen und empirischen Nutzung von Ambivalenz als ein heuristisches Konstrukt, m.a.W. als „sensitizing construct“ an. (hierzu Lüscher, K. (2011a): Ambivalence – a „sensitizing construct” for the study and practice of intergenerational relationships. In: Journal of Intergenerational Relationships, 9/2011, 191-206.) Die Weiterentwicklung dieses Vorschlags anhand konkreter Praxisfelder ist das übergreifende Thema aktueller Arbeiten.

In den letzten Jahren entstanden Texte, in denen die Tragweite des Konzepts der Ambivalenz theoretisch, methodisch und praktisch erkundet und dieses ausdifferenziert wurde, so bezüglich des Zusammenhangs von Ambivalenzerfahrungen und Identitätsentwicklung, der Idee der Ambivalenzsensibilität, der Interpretation literarischer Texte und der Reflexion therapeutischen Arbeitens.


Publikationen


 Laufende Arbeiten

» Persönliches


Foto: Imago Press

Kontakt:
Humboldtstr.15
CH-3013 Bern
Tel.: +41 31 348 13 10
Fax: +41 31 348 13 12
Mail: Kurt.Luescher(at)uni-konstanz.de

» Neueste Publikationen

Artikel

Lüscher, K. et al. (2017): Generationen. Ein mehrsprachiges Kompendium.als PDF Dokument

Lüscher, K. (2016): Sozialisation und Ambivalenzen.

Lüscher, K./Haller, M. (2016): Ambivalenz in der Gerontologie.

Lüscher, K. (2016): Die Unergründlichkeit von Familie.als PDF Dokument

Lüscher, K./Liegle, Ludwig (2015): Generative Sozialisation.als PDF Dokument

Lüscher, K (2015): Ambivalenz. Robert Walser - Handbuch.

Lüscher, K. (2014): Richard F. Behrendt. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2014): "Generationenprojekte - Generationendialoge" als Bildung. als PDF Dokument

Lüscher, K./ Fischer, H.R. (2014): Ambivalenzen bedenken und nutzen.

Lüscher, K. (2013): Das Ambivalente erkunden. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2013): Intergenerational policy. als PDF Dokument

Lüscher, K./ Hoff, A. (2013): Intergenerational ambivalence. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2012): Familie heute. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2012): Musikalisches Improvisieren. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2012): homines ambivalentes. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2011): Improvisation: Spiel mit Ambivalenzen. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2011): Ambivalenz weiterschreiben. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2011): Ambivalence: A “Sensitizing Construct”. als PDF Dokument

Widmer, É./ Lüscher, K. (2011): Les relations intergénérationelles. als PDF Dokument

Lüscher, K. (2010): "Homo ambivalens". als PDF Dokument

Lüscher, K. (2010): Generationenpolitik. als PDF Dokument

Krappmann, L./ Lüscher, K. (2009): Kinderrechte. als PDF Dokument

Bücher

Lüscher, K. et al. (2014/2015): Generationen, Generationenbeziehungen, Generationenpolitik. Ein mehrsprachiges Kompendium.

Dietrich, W./ Lüscher, K./ Müller, Ch. (2009): Ambivalenzen erkennen, aushalten, gestalten.

Lüscher, K./Liegle, L. (2003): Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft.

 Weitere Veröffentlichungen unter "Publikationen"
 


Zugriffe seit 14.06.2005